Interview mit Bernhard Fibich


Haben Sie schon als Kind musiziert?

B.F.: Ja, natürlich. Ich habe mit acht Jahren meine erste Gitarre zu Weihnachten geschenkt bekommen. Dabei hatte ich sie unter dem Christbaum zunächst gar nicht entdeckt. Das erste Musikstück habe ich noch am selben Tag von meinem Vater gelernt:
Stille Nacht. Überhaupt war mein Vater (Heinz Fibich - ein Jazzmusiker und Clown) sozusagen mein "Lehrmeister" bis ins Erwachsenenalter hinein. Mein Studium habe ich mir mit unzähligen Auftritten als Bassist in seinen diversen Bands verdient.


Warum wird man Kinderliedermacher?

B.F.: Ich wurde Kinderliedermacher durch meine eigenen 3 Kinder. Als meine mittlerweile längst erwachsenen Kinder ins Kindergartenalter kamen - das war Ende der 80er-Jahre  - war das Bedürfnis da, für die eigene Familie und den Hausgebrauch Lieder zu schreiben. So hat das begonnen. Bald haben auch andere Eltern nach den Liedern verlangt - und Konzertangebote hat es auch gleich gegeben. Binnen weniger Wochen war klar, dass ich das auch hauptberuflich machen möchte. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich ja AHS-Lehrer. So habe ich 1991 den Lehrberuf aufgegeben und bin seither nur noch mit meinen Liedern unterwegs. Aber ohne das damalige tägliche Leben mit meinen Kindern, ohne diese Erfahrungen, die alle Eltern machen, ohne diese Sorgen, Nöte, aber auch Freuden und "Hoch"-Stimmungen, wäre ich nie auf die Idee gekommen, all die Geschichten musikalisch zu erzählen. Ich hätte ja keine Ahnung!


Würden Sie einen anderen Beruf wählen, wenn Sie nochmals die Wahl hätten?

B.F.: Niemals! Ich mache genau das, was ich immer machen wollte: Musik - und das noch dazu für ein großartiges Publikum. Ich kann mir keinen schöneren Beruf vorstellen, als Kindern und Eltern Freude zu bereiten.

 

 Was unterscheidet Kinder als Zuhörer von Erwachsenen?

 B.F.: Vieles, das sich in wenigen Worten kaum ausdrücken lässt. Kinder sind außerordentlich begeisterungsfähig und spontan in ihren Reaktionen.
Das ist für den Künstler auf der Bühne eine wunderbare Situation aber auch eine große Herausforderung. Gleichzeitig muss ich mit großer Behutsamkeit und Umsichtigkeit agieren. Kinderseelen sind so leicht verletzbar. Ich fühle eine große Verantwortung für die Kinder, die z.B. auf der Bühne bei mir etwas vorsingen oder vorzeigen. Es soll ja ein positives Erlebnis für das Kind sein, einen Applaus zu bekommen, bewundert zu werden. Keinesfalls darf man sich auf Kosten der Kinder lustig machen und billige Lacher einholen. Das ist eine große Gefahr. Ich versuche einfach den Kindern großen Respekt und Achtung entgegen zu bringen.  

 

Für welche Altersgruppe singen und spielen Sie Ihre Musik?

B.F.: Ich spiele für Kinder von 3-11 Jahren - also für Kinder im Kindergarten- und Volksschulalter. Es kommen aber immer wieder Mütter zu mir, die mir sagen, dass auch ihre 2-jährigen Kinder bei den Bewegungsliedern so gerne mitmachen. Ich sehe das auch bei den Konzerten. Es ist manchmal wirklich lieb, wenn "ganz kleine" Zuhörer von nicht einmal 20 Monaten mein Bühnenstockerl erklimmen und dort zwar nichts sagen oder tun - einen Applaus jedoch sicher haben. Das sind dann die wirklichen Sternstunden und Höhepunkte eines Konzertes.
Besonders gern und oft spiele ich übrigens auch in Einrichtungen für Kinder und auch Erwachsene mit besonderen Bedürfnissen - also z.B. in sonderpädagogischen Zentren und  Integrationskindergärten.
 

 
Ein Trampolin im Badezimmer, Straßenbahn fahren und Lumpi unser Hund -
Sie erreichen Kinder mit Ihren Liedern und Geschichten - haben Sie das Kind in sich bewahrt?

B.F.: Ein Tontechniker, mit dem ich vor Jahren einmal aufgenommen hatte, meinte zu meinen Liedern, sie gefallen ihm, weil er ja selbst einmal ein Kind war. Es täte uns wohl allen gut, das Kind in uns nicht zu vergessen. Nicht nur bei den Konzerten eines Kinderliedermachers. Eltern, die in meinen Konzerten sitzen, sollen angeblich auch manchmal den Wunsch haben, auf die Bühne zu kommen und mitzuspielen..

 

Aus eigener Erfahrung weiß ich - dass Kinder Ihre Texte nach kurzer Zeit begeistert auswendig mitsingen.
Woher beziehen Sie ihre Texte - haben Sie Kinder als Ghostwriter?

B.F.: Nun, es gibt ein paar  Lieder, bei denen meine jüngste Tochter auch tatsächlich mitgeschrieben hat. Ansonsten versuche ich mit offenen Augen durch den Alltag einer Familie zu gehen und die Geschichten und Worte aufzunehmen, mir zu merken, was da alles passiert. Das Leben mit Kindern ist so spannend und täglich an Überraschungen reich. Da kann einem der Stoff niemals ausgehen.


Mit Ihren Liedern vermitteln Sie gute traditionelle Werte der Nächstenliebe, der Hilfsbereitschaft,
Respekt usw. - sind das die Themen die Ihnen wichtig sind?

B.F.: Sicher, aber ich mache das nicht mit erhobenem Zeigefinger sondern mit einer großen Portion Humor und auch Selbstironie. Ich will sicher kein dozierender Erwachsener in der weltverbessernden Liedermacherpose sein. Ich versuche mit den Augen der Kinder die Welt anzusehen - natürlich als Erwachsener, der das Ende des Liedes kennt, und dazu hinführen kann - aber behutsam und ohne Angst zu verbreiten. 



Haben es Kinder heute schwerer als früher

B.F.:  Diese Frage kann ich nicht so leicht beantworten, weil das doch regional unterschiedlich ist, wenn ich z.B. an die Situation von Kindern in den Slums von Städten der so genannten 3.Welt denke - oder an Kinder, die in Kriegsgebieten aufwachsen müssen. Hier bei uns in Österreich bzw. in den hoch entwickelten Industriestaaten ist aber sicher auch ein gewisser Verlust von Kindheit festzustellen, wie ich sie selbst noch in den 60ern und 70ern mit den Dorfkindern im Waldviertel erlebt habe. Die Fußballspiele auf irgendeiner Wiese in der Abenddämmerung, die grenzenlose Freiheit beim Baumkraxeln. Einfach die Unbeschwertheit - wenig Fernsehen, keine Computerspiele dafür viel Bewegung an der frischen Luft. Das klingt vielleicht altmodisch - ist aber genau das, was Kinder eigentlich brauchen. Möglicherweise gibt es davon heute - hier bei uns - weniger. Sicher ist wohl, dass Kinder heute in mehr Zwängen stecken als früher, und dass sie auch dem Frontalangriff der Werbung und der Medien ausgesetzt sind. Das kann einer kleinen Kinderseele nicht gut tun.
 


Empfehlen Sie musikalische Früherziehung für Kinder?

B.F.:  Wenn das eine spielerische Form ist, die auf der absoluten Freiwilligkeit von Seiten des Kindes beruht, dann ja.
Wie gesagt: Es sollte meiner Meinung nach im Tagesablauf eines Kindes genügend Zeit für einfaches und freies Spielen zur Verfügung stehen - ohne Zwang, ohne Termindruck und auch ohne sozusagen pädagogisch verordneten Input. Sich eigenverantwortlich und vielleicht auch für einige Zeit nicht direkt beaufsichtigt frei bewegen zu können,
ist für die Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes ungemein wichtig.



Was halten Sie von den Strömungen heutiger Popularmusik, z.B. von Techno, Hip-Hop, Independent, Drum&Bass, Ethno, Heavy Metal, Raggae... 

B.F.: Das ist eine wilde Mischung, so wie Sie das jetzt aufgezählt haben. Prinzipiell höre ich jede Musik gerne, die ehrlich gemeint ist. Und da gibt es eben eine große Bandbreite an Stilen und Gattungen. Ich muss aber zugeben, dass ich als Ausgleich zu meinen Konzerten gerne erdige Rockmusik höre. z.B. Stones, Joe Cocker, Jimmy Hendrix  - naja. das ist eben meine wilde Seite. Auch den heutigen Rappern kann ich einiges abgewinnen.
Seit einiger Zeit höre ich aber auf der Fahrt zu den Auftritten sehr viel Mozart - z.B die Klavierkonzerte, gespielt von Friedrich Gulda.  Da kann ich hören und staunen.


Haben Sie mit 14 Jahren in einer Band gespiel
t?

 B.F.:  Nein, ich wollte auch eigentlich immer ein Solist sein - allein mit meiner Gitarre. Mit fünfzehn, sechzehn Jahren habe ich aber neben der Schule begonnen im Ensemble meines Vaters aufzutreten. Das war sicher etwas anderes, als in einer Rockband zu spielen. Wir machten damals professionell Tanzmusik auf Bällen und Hochzeiten, spielten unzählige Modeschauen, Cocktailparties... Da lernt man viel als junger Bursch mit 16, 17 Jahren. Wenn du schon mal beim Heurigen gespielt hast, wenn du um 4 Uhr früh die 3.Zugabe in einem Ballorchester gegeben hast, dann kann dich das wildeste Kinderkonzert am Faschingdienstag auch nicht erschüttern. Diese Zeit im Trio und Quartett meines Vaters war für mich eine wichtige Schule und eine Erfahrung, die mir heute das nötige Standing auch in schwierigen Situationen gibt.


Wie würden Sie den Begriff "Erziehung" definieren?

B.F.: Ich würde sagen, Erziehung ist eine große Verantwortung, die man im Dienst eines Menschen übernimmt, den man liebt. Erziehung hat für mich das große Ziel, das eigene Kind auf seinem Weg zu einem freien und selbstverantwortlichen Menschen unterstützend zu begleiten. Das ist eine der schwierigsten Aufgaben, die man sich vorstellen kann.



Was können wir unseren Kindern als wertvollstes Vermächtnis mitgeben?

 B.F.:  Die Achtung vor den Mitmenschen und der Schöpfung, die Bereitschaft den Armen und Schwachen zu helfen und unser gelebtes Beispiel in diesem Sinne. Denn Kinder lernen nur durch das, was wir ihnen vorleben. 


Wenn ich Sie in zehn Jahren wieder interviewe - welche Ihrer Wünsche sollten bis
dahin in Erfüllung gegangen sein?

 B.F.: Dass meine drei erwachsenen Kinder mit ihren Partnerinnen und Partnern glücklich
werden und weiterhin lebensfrohe und gesunde Menschen bleiben - und dass sie ihren eigenen Weg
mit Mut und Selbstvertrauen weiter gehen können.
 

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